Up in the Air (2009)

„Up in the Air“ ist eine Reflexion über die Bedeutung, die wir der Arbeit in unserem Leben beimessen, und was ihr Verlust mit dem Einzelnen macht.

Wer je ein Imperium aufgebaut oder die Welt verändert hat, war exakt in der Situation, in der Sie sich jetzt befinden. Und deshalb hat er geschafft, was er geschafft hat.“ Dutzende Male am Tag spult Ryan Bingham diesen Satz ab. Egal, wer vor ihm sitzt, jeder macht mehr oder weniger die gleiche Gefühlsachterbahn durch – und dann platziert Bingham seinen Satz.

Er soll dem Angestellten, den er gerade feuert, ein Gefühl von Chance geben, von Aufbruch. Der Jobverlust mag ein kleiner Tod sein, eine Katastrophe für den Einzelnen, der seine Hypothek nicht mehr bezahlen kann oder nicht länger krankenversichert ist, auf den seine Kinder nicht mehr stolz sein können. Aber es bieten sich auch ganz neue Möglichkeiten: Wenn man nicht mehr an den Bürosessel gefesselt ist, könnte man doch ab jetzt tun, wozu man immer schon Lust (aber keine Zeit) gehabt hatte.

Ryan Bingham (George Clooney) ist in Up in the Air (2009) ein Vielflieger auf dem Weg zu 10 Millionen Flugmeilen und zur Platincard der Fluggesellschaft. Bingham ist 322 Tage im Jahr unterwegs, mit dem Flugzeug, in Airport-Lounges und -hotels. „Zuhause“ in Omaha, Nebraska, wohnt er möbliert, wie im Hotel, austauschbar. Er lebt nur fürs Unterwegssein. Zu seiner Familie in Wisconsin hält er nur lose Kontakt, und so ist es nicht verwunderlich, dass seine kleine Schwester ihn auf ihrer Hochzeit nicht als Brautführer eingeplant hat.

Ich arbeite für eine Firma, die mich an Feiglinge wie Steves Boss ausleiht, die nicht den Mumm haben, ihre Angestellten selbst zu feuern“, erzählt er aus dem Off. Er feuert charmant, und weiß, wann er zu schweigen hat. Meist muss sich sein Gegenüber einfach mal ausheulen, ändern tut das nichts, verhandelt wird nicht, Gefangene werden nicht gemacht.

„Unsere Aufgabe ist es, den Übergang erträglich zu machen. Wir befördern verwundete Seelen über den Fluss des Grauens zu einem Punkt, wo die Hoffnung am Horizont aufleuchtet.“

Er glaubt da wirklich dran. Wie den meisten Berufstätigen ist es ihm wichtig, seinen Job wirklich gut zu machen, mit Fingerspitzengefühl und Würde, wie ein Bestatter. 

Binghams wohlgeordnetes, entfremdetes Leben gerät in Gefahr, als er Anfängerin Natalie (Anna Kendrick) auf seine Reisen mitnehmen muss. Die frische Uniabsolventin hat sehr fleißig das Geschäftsmodell der Firma analysiert und festgestellt, dass die ganze Reiserei ja unfassbar viel kostet, optimieren könne man das doch durch Kündigungen per Webcam. Bingham opponiert. Um Natalie zu zeigen, warum eine Kündigung face to face um so viel würdevoller ist, hat er sie jetzt am Hacken und muss ihr das Geschäft erstmal beibringen – inklusive der cleversten Art, an Flughäfen schnell durch Check-ins und Sicherheitskontrollen zu kommen.

Und Natalie hat tatsächlich etwas zu lernen. Ihre ersten Kündigungsgespräche, zunächst testweise in der Firma an Kollegen ausprobiert und vorgeführt wie Rollenspiele, sind mechanisch, gelernt, abgespult. Als sie das erste Mal mit Bingham wirklich Betroffenen gegenübersitzt, merkt sie erst, welche Katastrophen sie mit der Kündigungsnachricht tatsächlich überbringen. Und dass sie geheuerte Feuerer sind, macht es noch schlimmer für die Gekündigten.

Up in the Air montiert eine Reihe dokumentarischer Szenen von echten Menschen, die von dem Augenblick erzählen, in dem sie einmal gekündigt wurden – von den Emotionen, der Hilflosigkeit, dem Gedankenkarussell, welche Bedeutung Arbeit in ihrem Leben hat – mit Spielhandlungen mit Schauspieler*innen, die diese Erfahrungen darstellerisch noch tiefer ausleuchten. Einem Gekündigten, der kurz vor der Rente steht (J. K. Simmons) und der an seine kleinen Kinder denkt, die bisher zu ihm aufschauen konnten, sagt Natalie mechanisch den Satz mit dem Imperium auf, wo der alte Hase Bingham klug schweigt. Um einige Erfahrungen reicher, gerät sie aber mehr und mehr aus der Fassung angesichts der real-life Dramen, die sich manchmal abspielen. Etwa, als eine Geschasste trocken sagt, dass sie sich jetzt von der Brücke in der Nähe ihres Hauses stürzen werde. Sie lässt es wie einen Witz klingen.

Am Firmensitz baut Natalie dennoch den Kündigung-per-Webcam-Prozess auf. Sie hat on the road und up in the air viel gelernt, und trainiert jetzt die Entlassungsberater der nächsten Generation: „Sie gehen zu schnell durch die einzelnen Phasen. Sie müssen ihnen Zeit geben, sich dazu zu äußern… ist eine rechtliche Sache.“ Natalie ist aber – im Gegensatz zu Ryan Bingham – noch mit ihrem wahren Selbst verbunden. Sie verliert die Contenance, als ihr Freund, wegen dem sie überhaupt erst nach Omaha gegangen war und diesen Job angenommen hat, per SMS mit ihr Schluss macht. Und als die gefeuerte Frau tatsächlich von der Brücke springt, reicht es Natalie: Sie schmeißt hin, diesen Job braucht sie nicht, sie setzt ihre Kräfte lieber für etwas Sinnvolleres ein.

Up in the Air ist eine Reflexion über die Bedeutung, die wir der Arbeit in unserem Leben beimessen, und was ihr Verlust mit dem Einzelnen macht. Insbesondere, wenn man nicht selbst kündigt und auch nichts angestellt hat, sondern einfach Opfer von Rationalisierungsmaßnahmen geworden und somit nur eine Zahl ist. Für Bingham sind die Vielreiserei und die Rahmenbedingungen seines Jobs aber auch willkommene Ablenkung, täuschen sie doch darüber hinweg, dass „jeder einen Co-Piloten braucht“, er sich aber bisher nicht festlegen wollte. Nicht auf eine Partnerin, nicht auf Nähe, Freunde, Familie, ein Hobby.


Up in the Air. USA, 2009. Regie & Buch: Jason Reitman


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