The Secret Life of Walter Mitty (2013)

Filme (und ihre Rezensent*innen) bemühen gerne das Klischee des öden Archivjobs. Walter Mittys Job als Bildredakteur wird jedoch erst zu einem Fiasko, als er einen Chef bekommt, für den Verhöhnen ein legitimes Führungsinstrument ist.

Inspiriert: Walter Mitty Life Magazine Cover. © Artwork by Michael Tersieff. https://www.behance.net/gallery/73452589/Walter-Mitty-Life-Magazine-Cover

In Das erstaunliche Leben des Walter Mitty (2013) bekommt der träumerische Bildredakteur Walter Mitty (Ben Stiller) mit Ted Hendricks (Adam Scott) einen neuen Chef, der die perfekte Hassfigur ist, nicht nur für kreative Medienschaffende aller Art.

Hendricks ist als Interimsmanager in den Verlag gekommen und soll nun das traditionsreiche Magazin „Life“ abwickeln[1]. Die nächste Nummer ist die letzte, die in Print erscheinen wird, danach wird es Life Magazine ganz zeitgemäß nur noch als Online-Magazin geben. Hendricks ist der junge Manager-Berater, der für die Traditionen dieses 1936 gegründeten Fotoreportagen-Magazins und für das Motto von „Life“[2] keinen Sinn hat.

Auch führungsmäßig ist er eine Null. Den etwas neben sich stehenden Walter zieht er auf, macht ihn lächerlich, setzt ihn unter Druck, und feuert ihn schließlich, alldieweil dieser – zu Wasser, zu Lande und in der Luft – versucht, das mysteriöse Negativ Nummer „25“ aufzutreiben, das Starfotograf Sean O’Connell (Sean Penn) für das Cover der letzten Ausgabe geschickt hatte.

Boss Hendricks umgibt sich immer mit einer kleinen Gruppe Claqueure, namen- und aufgabenlose junge Männer, die nicht nur das Publikum für seine Verhöhn-Show bilden, sondern auch dafür sorgen, dass er schwierige Situationen nicht allein bewältigen muss. Ein Chef, der sich hinter anderen versteckt.

Denkmal für die, die im Hintergrund bleiben (Achtung: Spoiler!)

Das Negativ Nr. 25, das Walter am Ende auftreibt (bzw. natürlich bereits die ganze Zeit besessen hatte) und das als letztes Cover erscheint, zeigt ihn, den Bildredakteur Walter Mitty. Fotograf Sean O’Connell hat es ausgewählt, weil es mit Walter all jene ehrt, die das Blatt über Jahrzehnte gemacht haben. 

Es ist erstaunlich, in Besprechungen über „Walter Mitty“ zu lesen, dass dieser angeblich einen öden Job habe, den er hasse. Dies ist eine im Film und bei Rezensoren gängige Typisierung von Berufen in Archiven, Bibliotheken, Dokumentationen[3] (siehe auch „Mentorinnen auf dem Chefsessel“). Vielleicht trifft das eher auf den einen oder anderen Rezensenten zu? „Walter Mitty“ baut vielmehr – genau wie das Coverfoto – ein Denkmal für all jene, die unermüdlich und jede Ausgabe wieder ein herausragendes Produkt schaffen wollen (egal in welcher Branche). Manche wollen das.

Walter ist Profi und übt seinen Job sehr gewissenhaft aus, so dass sich Starfotograf O’Connell immer richtig bei ihm aufgehoben fühlte und ihm blind seine Negative anvertraut. Es ist vielmehr sein Privatleben, mit dem Walter nicht ganz zurechtkommt – was sich auch auf seinen Job auswirkt.

Für wen?

  • Beschäftigte in Archiven, Bibliotheken, Dokumentationen;
  • Angestellte, die gebosst oder gemobbt werden;
  • Führungskräfte;
  • Verleger*innen;
  • Fotograf*innen, Bildredakteur*innen;
  • Beschäftigte, die bei ihrem Arbeitgeber Haltung vermissen.

The Secret Life of Walter Mitty. USA, 2013. Regie: Ben Stiller. Drehbuch: Steve Conrad; James Thurber (Originalstory)


[1] Die letzte Ausgabe des Life Magazine, das seit 2000 nur noch als Beilage erschien, wurde 2007 ausgeliefert. https://en.wikipedia.org/wiki/Life_(magazine) (abgerufen 24.3.2019)

[2] Im Film heißt das Motto: To see the world, things dangerous to come to, to see behind walls, to draw closer, to find each other and to feel. That is the Purpose of LIFE. http://www.michaelkleinschmidt.de/film/kino/2014/das-erstaunliche-leben-des-walter-mitty/index.htm (abgerufen am 24.3.2019). Das echte Life Magazine hatte folgende Mottos: „Where there’s Life, there’s hope“ und „To see Life; to see the world.“ https://www.reference.com/art-literature/life-magazine-motto-6aba12588ffd000f (abgerufen am 24.3.2019). Auf Gründer Henry Luce geht diese Vision für sein Foto-Magazin zurück: To see life; to see the world; to eyewitness great events; to watch the faces of the poor and the gestures of the proud; to see strange things — machines, armies, multitudes, shadows in the jungle and on the moon; to see man’s work — his paintings, towers and discoveries; to see things thousands of miles away, things hidden behind walls and within rooms, things dangerous to come to; the women that men love and many children; to see and take pleasure in seeing; to see and be amazed; to see and be instructed. https://en.wikipedia.org/wiki/Life_(magazine) (abgerufen 24.3.2019)

[3] Mehr zu solchen Typisierungen hier: Dario D’Alessandro: Hauptrolle: Bibliothek. Eine Filmographie. (StudienVerlag, Innsbruck, 2002)

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