The Company Men (2010)

Harte Lektion: Wenn es der Aktienkurs verlangt, sind auch die loyalsten und erfolgreichsten Mitarbeiter*innen ersetzbar. Was dann?

Busted – das kann auch den Besten passieren. Tommy Lee Jones und Chris Cooper in The Company Men (2010)

Drei Männer machen sich morgens fertig fürs Büro. Stehen vor dem Spiegel, binden Krawatten, streifen Uhren übers Handgelenk. Gehen durch ihre großen, größeren, am größten Häuser in den Vorstädten. Steigen in ihre schnittigen Schlitten. Sie haben es geschafft, sie leben den amerikanischen Traum. Jetzt ab in die Firma, die diesen Wohlstand finanziert hat.

Bobby Walker (Ben Affleck), Gene McClary (Tommy Lee Jones) und Phil Woodward (Chris Cooper) sind die Company Men, die an diesem Morgen erfahren müssen, dass kein Mensch unersetzbar ist – egal wie erfolgreich oder loyal er in der Vergangenheit war. „Wir sind kein Wohlfahrtsverein“, sagt Boss Salinger (Craig T. Nelson), „das ist ein Geschäft.“ Und jetzt seien nur noch die Aktionäre wichtig, der Aktienkurs. Alles für den Aktienkurs.

Um diesen in der Rezession zu treiben, hat er zwei Werften des Mischkonzerns mit Fokus auf Containerschifffahrt geschlossen. Und jetzt fliegen die Leute hinterher. Als erster muss der fassungslose Überflieger Bobby gehen. Mit dem Statusverlust, später dem mangelnden Einkommen, das nicht mehr für Porsche und Golf-Club reicht, den entwürdigenden Vorstellungsgesprächen und Headhunter-Versprechen gerät der Familienvater in eine tiefe Sinnkrise. Er braucht das Golfspielen, um erfolgreich zu erscheinen, das ist für ihn der Schlüssel zum Erfolg.

Filmplakat The Company Men.

Bewerbungstraining? Brauche ich nicht, ich finde überall was

Bobby erhält ein Outplacementangebot, 6 Monate Zeit, um sich etwas Neues zu suchen. Die „Arbeit“ in dem Übungscenter, die Tschakka-Botschaften („I will win. Why? Because I have faith, courage, enthusiasm“) und das Lebenslauf-Überarbeiten hält er für unwürdig, er sei hier gleich wieder weg: „Ich bin ein hochqualifizierter Kandidat.“ Aber das allein reicht inmitten einer strukturellen Wirtschaftskrise nicht, egal, wie sehr sich der Einzelne anstrengt. Das muss Bobby aber erst noch lernen. Die Frustrationen bei der Jobsuche mehren sich: Seine Expertise wird zunächst gern genommen, aber zu bedeutend geringerem Gehalt als dem bisher gewohnten und verbunden mit einem Umzug von der Ostküste in den Mittelwesten. Nicht erfolgreich zu erscheinen, verunsichert ihn, den vormals stets Siegesgewissen, bei jedem Gespräch mehr. Im Outplacementcenter freundet er sich schließlich fatalistisch mit seinen Leidensgenoss*innen an, auf die er anfangs herabsah.

Bobby Walker: There are thousands of new MBA’s every year! They’ve got no family, no mortgage, and will work 90 hours a week for nothing! How am I supposed to compete with that?

Derweil hat Gene Probleme auf einem ganz anderen Level. Der Collegefreund und Trauzeuge von Firmenboss Salinger, früher erster Angestellter und heute Vizepräsident, hat Schwierigkeiten mit seinem Boss. Er ist fassungslos über den Ausverkauf der Firma, den Strategiewechsel, den Umgang mit langjährigen Mitarbeitern: „Es sind gute Leute.“ Aber Salinger lässt ihn wissen: „Du darfst mich nicht so vor den anderen Führungskräften vorführen.“ Gene: „Willst du, dass ich dir wie ein Papagei alles nachplappere?“ Offenbar ja, denn kurz darauf erhält auch Gene seine Entlassungspapiere. Wie auch Phil, der aufgrund seines Alters und der langen Firmenzugehörigkeit zu viel kostet (aber nicht wirklich etwas für die Ausbildung seiner Kinder gespart hat). Salinger entledigt sich aller Personen, die ihm zu sehr auf die Finger gucken könnten und an seinem Lack kratzen.[1]

HR Director: I’m confident all these dismissals will stand up under legal scrutiny.

Gene: What about ethical scrutiny?

HR Director: We’re not breaking any laws, Gene.

Gene: I guess I always assumed we‘re trying for a higher standard than that, Paul.

Company Men ist kurz nach der Finanzkrise 2008/09 entstanden. Autor und Regisseur John Wells folgt den Lebensentwürfen dreier Männer und untersucht die Ideale, die sie mit ihrer Arbeit und ihrer „Karriere“ verbinden: Einer davon gerade gesettelt mit Familie, Haus und Hund, die anderen am Ende ihrer Berufswege. In der Realität ging es damals und geht es zurzeit wieder Millionen von Menschen weltweit genauso, sie sitzen auf der Straße, ihre Arbeit und mit ihr ihre Leben entwertet, so scheint es. Ob ihre Jobs wiederkommen und sie wieder angestellt werden, ist unsicher. Ob Missmanagement, gnadenlose Ausrichtung auf Shareholder-Value, Wirtschaftskrise oder jetzt Corona: Wer viel besitzt, kann besonders viel verlieren.[2] Wer wenig hat, kommt womöglich nicht wieder auf die Beine. Und in Sicherheit sollte sich niemand wägen.

Der Jobverlust aus dem Nichts ist allerdings auch Anlass für die Protagonisten, Bilanz zu ziehen. Hat sich das Bisherige gelohnt? Wofür? Dem einen fehlen immer noch die finanziellen Rücklagen für eine gute Collegeausbildung der Kinder, der andere hat eine Frau, die auf Luxus nicht verzichten will, egal wie ihr Gatte diesen erwirtschaftet und ob er dabei noch in den Spiegel blicken kann. Und für Bobby eröffnet sich erstmals ein Blick und eine Berührung mit Menschen, die bisher nicht so vom finanziellen Erfolg verwöhnt waren wie er. Und auf das, was in seinem Leben wirklich zählt und wofür er bisher zu wenig Zeit hatte.

Bobby Walker findet Gefallen an der „ehrlichen Arbeit“. Schwager Jack ist weniger begeistert.

Der amerikanische Traum: Blue vs. white collar

Der kalten und geldversessenen Welt der Konzerne[3] gegenüber steht in diesem Film Bobbys Schwager Jack (Kevin Costner). Der ist Zimmermann, baut mit ein paar Leuten Häuser aus auf eigene Rechnung. Bei einem Familientreffen kurz nach Bobbys Rauswurf – über den dieser sich ausschweigt – fragt Jack: „Und, was machen die Kriege der Anzugsträger? Diese Woche noch mehr gut bezahlte amerikanische Jobs in ein asiatisches Drecksloch verschoben?“ Und Bobby witzelt noch sarkastisch: „Im Moment konzentrieren wir uns darauf, die Gewerkschaften zu zerschlagen.“ Man versteht: Hier sitzen sich blue und white collar noch unversöhnlich gegenüber, hatte sich Konzernling Bobby bisher nicht mit seiner Verantwortung im Wirtschaftssystem beschäftigt, sondern verlangte einfach nur den ihm zustehenden Teil vom Kuchen, wozu hat er studiert?

Später, als Bobby eine Absage nach der anderen kassiert, bietet ihm Jack einen Job in seiner Bautruppe an, den er schließlich annimmt. Er ist nicht der begnadetste Zimmerer, aber mit der Zeit findet er Freude an der Arbeit und der Zusammenarbeit mit den anderen Männern. Eines Abends sieht Bobby Jack nach Feierabend noch allein weitermachen und erfährt: Jack hat knapp kalkuliert und ein niedriges Angebot abgegeben – damit seine Männer auch im Winter Arbeit haben. Um keinen Verlust zu machen, muss er Teile des Jobs nun allein erledigen.

It’s the economy, stupid!

Aber das ist noch nicht das Ende.


Für wen?

  • (Nicht nur karriereorientierte) Angestellte in Konzernen
  • Konzernlenker*innen
  • Personaler*innen
  • Von Arbeitslosigkeit Bedrohte und Betroffene
  • Unter Sinnverlust leidende Arbeitnehmer*innen
  • Aktienbesitzer*innen, Investor*innen
  • Selbständige
  • Junge Menschen bei der Berufsorientierung (Augen auf bei der Berufswahl!)

The Company Men. USA, 2010. Regie & Buch: John Wells.


[1] Personalchefin Sally (Maria Bello) muss eine Liste von Mitarbeiter*innen machen, die als nächstes gehen müssen. Die Liste enthält auffallend viele Leute über 50, plus ein paar Jüngere – gerade genug, dass sie keiner wegen Diskriminierung vors Gericht zerren kann. Das Personalkarussell erscheint vollkommen willkürlich, und das ist es ja auch. Die vermeintliche Gewissheit eines Einzelnen, er habe ja immer gute Leistung und der Firma Gewinn gebracht, zählt im Konzern jetzt gar nichts. 

[2] Gene: „Plötzlich hast du all‘ diese Dinge und eine Heidenangst, sie wieder zu verlieren. Aktienoptionen, Firmenjets, Ferienhäuser auf den Bahamas… Und jetzt ist einfach alles weg, das ich in 30 Jahren aufgebaut habe.“

[3] Konzernboss Jim Salinger verdient das 700-fache von dem, was ein Durchschnittsarbeiter dort verdient, heißt es an einer Stelle im Film. Zum Vergleich: In deutschen DAX-Konzernen sind es „nur“ etwas über das 50-fache (und auch dies wird teilweise als „unanständig“ betrachtet. (https://www.welt.de/finanzen/article195084109/Dax-Vorstaende-Sie-verdienen-52-mal-mehr-als-ihre-Mitarbeiter.html, abfgerufen 7.3.2021)

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