The Apartment (1960)

C.C. Baxter fungiert als Projektionsfläche für alle Männer (und Frauen), die nicht nur wie eine Maschine tagein, tagaus einen seelenlosen Job
ausüben, sondern von ihren Chefs unter Vortäuschung möglicher Beförderungen auch manipuliert werden.

C.C. Baxter (Jack Lemmon) ist die fleißige Arbeitsbiene in einer Versicherungsgesellschaft, der in einem dystopischen Großraumbüro[1] arbeitet und wie alle seine Kollegen endlose Zahlenreihen auf der Rechen- bzw. Schreibmaschine produziert.

C.C.Baxter bei der Arbeit. ((c) The Mirisch Corporation via imdb.com.)

Harmoniebedürftig wie er ist, bietet er sich – wie sonst nur Frauen im Film – als ideales Opfer seines Chefs und weiterer übergeordneter Männer an: Der Junggeselle lebt allein und stellt sein Apartment öfters den verheirateten Abteilungsleitern zur Verfügung, die dieses für ein Stelldichein mit ihrer jeweiligen Geliebten nutzen. Er versucht immer wieder, ‚Nein‘ zu sagen, aber die Charmeure mit den Fensterbüros kriegen ihn noch jedes Mal wieder rum – und Baxter muss den Abend in einer Bar verbringen. Auch an Weihnachten.

Jack Lemmon war nicht nur als Filmpartner von Walter Matthau der ewig drangsalierte, sanfte, gutherzige, fast feminine Mann, etwa als Hildy Johnson[2] in Extrablatt (1974). In gleicher Weise setzte Tony Curtis sich ihm gegenüber immer durch („Wir setzen die Piepen auf Geölter Blitz, das kann gar nicht schiefgehen“), nutzte ihn aus und stahl ihm Blumen und ein Brillantarmband in Manche mögens’s heiß (1958), wo immerhin beide in Frauenkleidern für Furore sorgten und Lemmons ‚Daphne‘ am Ende einen Mann, genauer einen Lustmolch, heiraten wird.

Auch Billy Wilder setzte in The Apartment (1960) wieder[3] auf Lemmon. Keiner verkörperte  den warmherzigen Underdog besser als er: Von allen getreten (neben seinen Bossen treten diverse Moralwächter auf den Plan, die ihn – unfair, unfair! – für Dinge verantwortlich machen, die nicht auf seine Kappe gehen), und von der Herzensdame wird er zugunsten eines Schufts übersehen. Dieser Baxter fungiert hier als Projektionsfläche für alle Männer (und Frauen), die nicht nur wie eine Maschine tagein, tagaus einen seelenlosen Job ausüben[4], sondern von ihren Chefs unter Vortäuschung möglicher Beförderungen, einer Gehaltserhöhung oder sonstiger Annehmlichkeiten dazu hinreißen lassen, Dinge zu tun, die sie nicht mit ihren eigenen Werten übereinbringen können. C.C. Baxter wirft z.B. auch immer mal einen sanften Hinweis auf die armen betrogenen Ehefrauen in den Ring. Als sich herausstellt, dass sich sein Boss ausgerechnet mit Baxters Schwarm, Fahrstuhlführerin Fran Kubelik (Shirley MacLaine) trifft und sie auch noch sitzen lässt, bringt deren Selbstmordversuch in Baxters Apartment das Fass zum Überlaufen – und ihn final in Rage. Wenn er dann seinem Chef das letzte Mal entgegentritt, ist der kathartische Moment für die Zuschauer*innen gekommen: Baxter lässt sich nicht mehr alles gefallen. Jetzt ist Schluss. Baxter geht, wo wir bleiben.


Filmische Referenz

In Enthüllung (Disclosure, 1994) von Barry Levinson läuft in einer Szene beim in der Firma Drangsalierten Tom (Michael Douglas) zuhause im TV eine Szene aus The Apartment, in der gerade Chef Fred MacMurray C.C. Baxter sublim unter Druck setzt. Eine passende Referenz aus der Arbeitswelt im Film. Wie weit würdest du gehen? Was lässt du dir alles gefallen? Schlägst du zurück? Tom schlägt zurück. Anders als Lemmons C.C. Baxter macht er nicht nur einen aufrechten Abgang, sondern dreht den Spieß komplett um.


Filmische Referenz II

Die letzte Szene von The Apartment spielt Silvester. C.C. Baxter hat seinem Chef Sheldrake mit den vielen Versprechungen, dem Fensterbüro und der Position als rechte Hand den Job vor die Füße geworfen, weil dieser noch einmal sein Apartment für ein Stelldichein mit Fran Kubelik haben will. Nun ist Baxter allein zu Haus und packt seine Habe zusammen, er braucht einen Ortswechsel. Zur gleichen Zeit sitzt Fran Kubelik immer noch im guten Glauben in der Bar mit Personalchef Sheldrake, der ihr erzählt, dass Baxter ihm den Schlüssel zum Apartment verweigert habe, aus Prinzip und „schon gar nicht mit Miss Kubelik!“. Jetzt kapiert sie. Sie lässt Sheldrake dort sitzen und rennt auf die Straße, nimmt mehrere Blocks bis zum Apartment von Baxter (67th Street, Nr. 51, für 85 $ im Monat), um beim Mitternachtsschlag bei ihm einzufallen.

Nora Ephron erweist dieser Silvesterszene in „When Harry met Sally“ eine Referenz: Hier rennt Billy „Harry“ Crystal nach einer späten, plötzlichen Eingebung durch die Straßen New Yorks, um Punkt Mitternacht doch noch bei Meg „Sally“ Ryan anzukommen, die allein auf einem Silvesterball herumsteht.

Die Silvesterszene aus „The Apartment“.

The Apartment (Das Apartment, 1960), Regie: Billy Wilder. Buch: I.A.L. Diamond & Billy Wilder


[1] Billy Wilder arbeitete für diese Ansicht mit Illusionstricks, um aus einer schmalen Kulisse diese Großraumhölle mit Tiefenwirkung zu erzeugen.

[2] In der Screwballcomedy von 1940 von Howard Hawks war Hildy gleich eine Frau (Rosalind Russel). Der Arbeitsplatz Redaktion (und Reporter im Gericht) wird in beiden Filmen atemlos illustriert. Reporter dachten und sprachen wie gedruckt und konnten ihre Story am Telefon diktieren. Der Chefredakteur in Front Page  – 1940 Cary Grant, 1974 Walter Matthau – gehört ausnahmsweise nicht zur Gattung der Mentoren im Chefsessel wie in vielen anderen Filmen, die in Redaktionen spielen. 

[3] Insgesamt arbeiteten Billy Wilder und Jack Lemmon 7 mal zusammen: Manche mögen’s heiß (1958), Das Apartment (1960), Das Mädchen Irma la Douce (1963), Der Glückspilz (1966), Avanti, Avanti! (1972), Extrablatt (1974) und Buddy, Buddy (1981)

[4] Der Blick ins Großraumbüro, in dem jeder nur ein Schreibtisch ist und kein Individuum, wurde seither immer wieder visuell zitiert, etwa im animierten Disney-Kurzfilm „Inner Workings“, in dem sich der Angestellte traut, vor seinem Tod ein bisschen zu leben, und z.B. in der Mittagspause surfen zu gehen.

Fett- und zuckerreich essen? Surfen gehen? Flirten? Einfach mal machen. Das Leben ist sowieso lebensgefährlich. Disneys animated short film „Inner Workings“

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