Storm Center (1956)

Alicia Hull in Storm Center ist von ähnlichem Kaliber wie Bunny Watson in Desk Set, steht jedoch vor gänzlich anderen Herausforderungen. Und während Desk Set eine leichtfüßige Komödie mit vielen ironischen Seitenhieben ist, ist Storm Center ein Melodrama mit ernster Botschaft, ein Lehrstück in Aufklärung, Zensur und geistiger Freiheit und für das Selbstverständnis von öffentlichen Bibliotheken.

Bibliothekarinnen Bette Davis und Kim Hunter.

Alicia Hull[1] (Bette Davis) ist während der allgegenwärtigen Kommunistenhatz der McCarthy-Ära die Leiterin einer Kleinstadt-Bibliothek, offenbar irgendwo an der US-amerikanischen Ostküste[2]. Sie übt dieses Amt seit 25 Jahren aus, hat Generationen von Kindern mit ihren Büchern aufwachsen sehen, weiß, wo jedes Buch steht, und nimmt den Kindern Lollies und ähnliches beim Betreten der Bibliothek ab und verwahrt es sicher in einer Schublade.

Zur Leseförderung der Jüngsten hat sie eine Schatzkammer eingerichtet, eine Lesehöhle, in die sich auch ihr Schützling, der kleine Fred, stundenlang zum Schmökern dicker, „erwachsener“ Abenteuerliteratur und von Klassikern (Der scharlachrote Buchstabe von Nathaniel Hawthorne) zurückzieht, und sie wirbt fürs Lesen, auch bei störrischen Vätern.

Als Chefin lässt sie ihre Co-Bibliothekarin (Kim Hunter) auch mal früher gehen, wenn diese noch verabredet ist, schließt dann selber zu und rückt vorher noch Zeitungen im Lesesaal zurecht. Als Leiterin der Stadtbibliothek weiß sie auch, sich auf dem politischen und gesellschaftlichen Parkett des Ortes selbstbewusst zu behaupten: So hat sie Pläne für einen Ausbau der Bibliothek um einen Kinderflügel in der Schublade, die sie den Stadtvorderen bei jeder Gelegenheit serviert und für die sie munter wirbt. Alicia Hull ist eine angesehene Person in diesem kleinen Ort, die unbestrittene Herrscherin über die Bibliothek und über deren Bildungsauftrag, eine Grundfeste der amerikanischen Demokratie.

Ihre festgefügte Welt mit den erhabenen Werten gerät ins Wanken, als eines Tages der Stadtrat und darin besonders ein Mann mit weitreichenderen politischen Ambitionen (Brian Keith) sie auffordern, eines der Bücher aus dem Bestand der Bibliothek zu entfernen. Es handelt sich um „The Communist Dream“,  und das City Council hat bereits viele Schreiben von aufgebrachten Bürgern erhalten, die meinen, ein solches Buch habe in der öffentlichen Bibliothek nichts zu suchen, und wenn der Stadtrat nichts unternehme, werde man sich an die Presse wenden (ein zeitloses, unschlagbares Drohmittel). Bei einer Anhörung[3] gefragt, warum sie denn das Buch angeschafft habe, antwortet sie: Nicht weil sie finde, dass es ein gutes Buch sei. Aber es gehöre zum Gesamtbild über politische Systeme und Ideen (von denen sie 75 weitere aus jedem politischen Spektrum hätten), und wer sich über die kommunistische Idee und über die Sowjetunion ein Bild machen wolle, brauche den freien Zugang zu entsprechender Literatur.

You can’t run a library – or a city council – to please everybody

Die Stadtverordneten, abhängig von Volkes Stimme und angewiesen auf eine Wiederwahl, wollen den Wünschen der Bürger entsprechen: Es sei doch nur das eine Buch, das könne ihr doch nicht so am Herzen liegen, zumal sie selbst es furchtbar finde. Alicia Hull sieht keine Veranlassung, sich aufgrund solcher Schreiben in ihre Bestandspolitik hineinreden zu lassen und Bücher zu zensieren, und auch ihre persönlichen Vorlieben seien kein geeigneter Gradmesser. „You can’t run a library – or a city council – to please everybody.“ Weder die Bibliothek noch der Stadtrat könnten ihre Arbeit so machen, dass sie jedem gefalle. Und was würde passieren, wenn auch Beschwerdebriefe wegen weiterer politischer Ideen einträfen? Solle sie dann auch die nächsten Bücher aus dem Bestand nehmen, eines nach dem anderen? Sie erzählt, sie habe in der Vergangenheit ein anderes Buch nur mit großem Widerwillen ausgeliehen, jedes Mal, wenn es über ihre Theke gegangen sei: Hitlers „Mein Kampf“[4]. Alle hätten Sorge gehabt, ob dies die Leute Pro-Hitler einnehmen würde; aber das Gegenteil sei eingetreten. Die Menschen hätten es gelesen und sich ihre eigene Meinung gebildet, und vielleicht habe es geholfen, Hitler zu besiegen. Und ob wohl in sowjetischen Bibliotheken ein Buch über Demokratie stehen würde? Dies unterscheide die beiden Länder eben. 

Filmplakat „Storm Center“, (c) Columbia Pictures

Bibliothekarin Hull ist eine Frau mit Prinzipien und verweist auf Gründungsvater Thomas Jefferson, von Zensur hält sie nichts. Aber sie weiß auch, dass, wenn bei der Anhörung alle Argumente ausgetauscht sind, die Stadtverordneten am längeren Hebel sitzen, und wenn sie das Buch entfernen wollten, würden sie auch sie aus der Bibliothek entfernen müssen. Was diese auch tun.

Eigene moralische Richtschnur

Für Angestellte und Führungskräfte mit einem moralischen Dilemma kann Alicia Hull ein Vorbild sein. Wie weit würde man gehen, um das zu vertreten, was man für richtig hält? Alicia Hull verbittet sich in der Anhörungsszene, unterbrochen zu werden, wenn sie einen Gedanken ausführt, den sie persönlich sehr wichtig findet – der Freiheitsgedanke eines Thomas Jefferson.

Wann haben wir in einer ähnlichen Situation – in einem Meeting, in einer Rücksprache, in einer Projektgruppe – zuletzt gesagt: Unterbrechen Sie mich bitte nicht. Mir ist dies sehr wichtig, deswegen möchte ich diesen Gedanken zu Ende ausführen. Bibliothekarin Hull verliert alles, als sie sich weigert, dem Ansinnen ihrer Dienstherren zu entsprechen, weil dieses ihren innersten Überzeugungen entgegenliefe.

Beamt*innen und Angestellte im Staatsdienst kennen solche Dilemmata: Sie haben eine persönliche, wertebasierte Meinung in einer Fachdiskussion; sie haben jahrelange Erfahrung in einem bestimmten Fachgebiet; sie haben Argumente, die ungehört bleiben. Doch über ihnen stehen für eine gewisse Zeit gewählte Volksvertreter – entweder in ihrer Verwaltung, im Parlament ihrer Kommune oder gleich des gesamten Gemeinwesens – und setzen politischen Willen im Sinne der Allgemeinheit und der Mehrheit durch, von der sie gewählt wurden. Auch Kommunalpolitiker werden sich hier wiedererkennen: Was tun, wenn die Volksseele überkocht? Wenn die Stimmung im Lande aufgewühlt ist wie hier zur Hochzeit des Kalten Krieges und des Antikommunismus‘? Und was ist eigentlich die Mehrheitsmeinung? Die derer, die am lautesten schreien (können)? Und kann diese Mehrheitsmeinung ein Verfassungsrecht und einen Gründungsmythos aushebeln? Politik heißt, Kompromisse machen. Haltung kann man sich nur als Einzelner, als Individuum bewahren.

Man muss gar nicht nur in die Welt der Stadtparlamente und der Landesbediensteten schauen. Auch im Binnenverhältnis von Angestellten und ihren Führungskräften in privatwirtschaftlichen Unternehmen sind die eigenen Werte vielleicht nicht gefragt, kann man Argumente nicht zu Ende ausführen, wird gemacht, was „oben“ entschieden wird, womöglich auf eine vermeintliche Mehrheitsmeinung von Kunden äugend. Manchmal wider besseren Wissens aller Beteiligten. Wer das nicht länger mittragen will, dem bleibt nur die Erkenntnis von Alicia Hull: „You have the power to remove the book from the library, and you have the power to remove me. And if you do one, you have to do the other.“


Für wen?

  • Bibliothekar*innen (inkl. solche in Ausbildung),
  • Leiter*innen von Ämtern, Verwaltungen, öffentlichen Einrichtungen, kommunalen Unternehmen u.ä., die sich von politischen Zumutungen ihrer Oberen herausgefordert fühlen,
  • Berufstätige und Expert*innen, die für ihr Aufgabenfeld oder Spezialgebiet brennen (und sich nicht so gerne reinquatschen lassen),
  • Abgeordnete und Politiker*innen zwischen Haltung und Populismus.

Banned Books Bewegung

In den USA gibt es eine starke „Banned Books“-Bewegung öffentlicher Bibliotheken[5], die mit einer jährlichen Banned Books Week darauf aufmerksam macht, dass es bis heute immer wieder politische Initiativen gibt, die Bibliotheken dazu bringen, einzelne Bücher aus den Regalen zu nehmen, weil sie aus den unterschiedlichsten Gründen nicht opportun erscheinen. Dazu gehören auch immer wieder solche Werke, die wir heute als Klassiker einordnen (etwa den Zauberer von Oz, den Fänger im Roggen oder Darwins Über die Entstehung der Arten), und worüber wir heute und in Europa nur den Kopf schütteln können. [6] Allerdings stehen bei uns heutzutage auch Schriften von Leugnern des Holocaust und rassistische Hassschriften auf dem Index. Hier fällt eine Verteidigung des Schrifttums zum Zwecke der freien Meinungsbildung schon erheblich schwerer.


Storm Center. USA, 1956. Regie: Daniel Taradash. Buch: Daniel Taradash & Elick Moll


[1] Die aufrechte Bibliothekarin Alicia Hull hat ein Vorbild im wirklichen Leben: Ruth E. Brown, die in Oklahoma arbeitete, und 1950 aus ähnlichen Gründen entlassen wurde. https://en.wikipedia.org/wiki/Ruth_Brown_(librarian) (abgerufen am 23.2.2019)

[2] Indiz: Man isst hier Clam Chowder zum Lunch, Muschelsuppe, und bekommt dafür im Restaurant ein Lätzchen umgebunden.

[3] Diese Szene gibt es auf YouTube: https://www.youtube.com/watch?v=Gst7BKUbObY (abgerufen am 23.2.2019). Derzeit gibt es keine verfügbare deutsche Fassung des Films auf DVD oder Void. Eine Fassung mit der amerikanischen Originalversion und spanischen Untertiteln findet sich in gut sortierten öffentlichen Bibliotheken (sic!).

[4] Sie nennt – im amerikanischen Original – den deutschen Titel.

[5] Banned Books Week, https://de.wikipedia.org/wiki/Banned_Books_Week (abgerufen am 23.2.2019)

[6] Mehr zu den Argumenten beider Seiten finden sich hier: https://www.procon.org/headline.php?headlineID=005365 (abgerufen am 23.2.2019)

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