Special: Polizei und Redaktionen als Horte guter Chef*innen

Sind manche Branchen prädestinierter als andere, gute Chef*innen zu haben? Zumindest im Film erweckt es diesen Anschein.

Twin-Peaks-Sheriff Harry S. Truman (Michael Ontkean), links, mit Special Agent Dale Cooper vom FBI (Kyle MacLachlan). Photo by ABC Photo Archives – © 2011 American Broadcasting Companies, Inc. – Image courtesy gettyimages.com

In Spielfilmen werden häufig Chefredakteur*innen, Produzent*innen und Verleger*innen als gute Chef*innen gezeichnet, die ihre Mitarbeiter*innen unterstützen und antreiben, sie auf die richtige Spur bringen und sie dazu motivieren, noch die Extrameile zu gehen, um doch noch einen Informanten aufzutreiben, mit dem sich ein Artikel oder Beitrag wasserdicht machen lässt.

Die Chefredakteure in den beiden oscarprämierten Filmen All the President’s Men (Die Unbestechlichen, 1976) und Spotlight (2015) gehören zu dieser Gattung.[1] Jason Robards wurde als Chefredakteur Ben Bradlee in Die Unbestechlichen passender Weise mit einem Oscar als bester Nebendarsteller („actor in a supporting role“, also eigentlich Schauspieler in einer unterstützenden Rolle) ausgezeichnet.

Wirkliche Respektspersonen

Auch in einigen Polizeifilmen ist der Chef der ruhende Pol, die allwissende Instanz, die sich vor ihre Leute stellt, wenn „feindliche“ Abteilungen oder andere Behörden (FBI!) kommen, und intern etwas untersuchen wollen. Der Leiter der Einheit für ungelöste alte Fälle John Finn  in der Serie Cold Case – Kein Opfer ist je vergessen spricht wenig, behält viel für sich, schützt seine Leute und geht auch manchmal nach gelöstem Fall mit ihnen einen trinken. Jack Malone in der US-Serie Without a trace – Spurlos verschwunden steht neben Sam Spade[2]  im Zentrum der Handlung. Auch er schweigt sich viel aus, ist aber wie Bunny Watson in Desk Set erste Arbeitsbiene und operativ dabei. Sheriff Harry S. Truman[3] in David Lynchs bahnbrechender Serie Twin Peaks setzt seine (sonderbegabten) Mitarbeiter*innen vorbildlich ihren jeweiligen Fähigkeiten gemäß ein und übergibt ihnen Verantwortung, er ist sanft und geduldig mit ihnen, auch unter größtem Stress angesichts eines beunruhigenden Mordfalles und mysteriöser Entwicklungen im Städtchen Twin Peaks.

In Spike Lees[4] BlacKkKlansmen spielen die Vorgesetzten der Undercover-Polizisten, die sich in den 1970er Jahren in den örtlichen Ableger des Klu-Klux-Klans in Colorado Springs einschleusen, zunächst eine unaufgeregte, professionelle Rolle. Angesichts von real existierendem Rassismus und Vorurteilen gegen Langhaarige und Hippies  in der Truppe vielleicht schon ein fast irreal sanft gezeichnetes, versöhnliches Polizeichefbild. Je näher dran in der Hierarchie, desto unterstützender für die beiden Polizisten; je weiter weg, desto anfälliger sind die Chefs aber auch irgendwann für politische Interventionen der wirklich Mächtigen im Lande.

Vorgesetzte bei der deutschen Polizei

Das Paradigma des guten Chefs bei der Polizei trifft auf viele amerikanische Filme zu. In Deutschland folgt Lars Beckers „Nachtschicht“-Reihe mit Chef Erichsen (Armin Rohde) diesem Muster, auch wenn Erichsen selbst nicht der Integerste, sondern ein Mensch mit vielen Kanten und Tiefen ist.

Der deutsche „Tatort“ folgt diesem Muster hingegen nicht. Hier ist der Chef fast immer der Feind, verfolgt eigene Ziele oder hat eine narzisstische Störung, und selbst die Kommissar*innen im Zentrum treten noch nach unten oder gegen ihre Partner*innen. So z.B. in der Folge „Tiere der Großstadt“ des Berliner Tatort-Teams[5] oder in den Folgen mit dem Frankfurter Tatort-Duo Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch), samt Ernst Jandl rezitierendem Chef. („Land in dieser Zeit“, Erstausstrahlung 08.01.2017)

Von emotionaler Bindung ihrer Mitarbeiter*innen und daraus folgenden besseren Resultaten haben sie alle offenbar noch nie etwas gehört. Vielmehr wird hier der militärische Topos des Drills bemüht: Du willst zu uns gehören? Das wollen wir ja mal sehen, ob du taff genug dafür bist.


Special: Polizei und Redaktionen als Horte guter Chef*innen
  • All the President’s Men (Die Unbestechlichen, 1976).
    Regie: Alan J. Pakula. Buch: William Goldman
  • Twin Peaks (TV-Serie, 2 Staffeln, ab 1990).
    Creators: David Lynch, Mark Frost u.a.
  • Without a trace (TV-Serie, 7 Staffeln, 2002-2009)
  • Cold Case (TV-Serie, 7 Staffeln, 2003-2010)
  • Nachtschicht (TV-Reihe, seit 2003). Regie: Lars Becker
  • Spotlight (2015). Regie: Tom McCarthy
  • BlacKkKlansman (2018). Buch & Regie: Spike Lee

[1] Siehe auch Special: Arbeit in Redaktionen

[2] Eigentlich Samantha. ‚Sam Spade‘ ist eine Referenz: So heißt der Detektiv in Dashiell Hammetts „Der Malteser Falke“, in der Verfilmung von 1941 verkörpert von Humphrey Bogart.

[3] Ja, inklusive Initialen exakt wie der 33. US-Präsident.

[4] Erster Oscar für Spike Lee fürs adaptierte Drehbuch, 2019.

[5] 1. Ausstrahlung am 16.9.2018 im Ersten

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