Miss Sloane (2016)

Miss Sloane erzählt von der Arbeit von Lobbygruppen und ihres Einflusses auf die Gesetzgebung, von Politik, Gerichten, Medien und Öffentlichkeitsarbeit – und ist dabei spannend genug. Vor allem aber geht es in diesem Film um die persönliche Haltung jedes Einzelnen.

Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) kurz vor ihrem Abflug. ©Universum Film

Ich wüsste nicht, seit wann du eine Meinung zu Waffen hättest.“ – „Meine Meinung ist herangewachsen, irgendwann zwischen Columbine und Charleston.“ Elizabeth Sloane (Jessica Chastain) ist eine taffe politische Lobbyistin, angestellt in einer großen Beratungsfirma in Washington, D.C.

Sie ist ein Star der Szene, das Zentrum der Firma, selbstsicher, intelligent, schlagfertig, erfahren, eine Siegerin um des Siegens Willen. Sloane führt ein Team, das die Recherche- und Kleinarbeit macht, darunter ein paar Trottel, die sie belehren kann. Mit ihrem Boss spricht sie auf Augenhöhe, sich ihrer Position und des Nutzens für die Firma mit jeder Pore gewiss.

Das macht sie auch an dem Tag, als sie einem potenziellen neuen Kunden ins Gesicht lacht, dem mächtigsten Mann der Waffenlobby. Der will, dass sich die öffentliche Meinung der weiblichen Bevölkerung zum Waffenbesitz verbessert. Die Zeit dränge, allmählich setzten sich zu viele Leute in Washington für ein stärkeres Waffengesetz ein. Elizabeth weiß, dass sich der Kunde nur wegen ihrer Erfolge an die Firma gewandt hat. Sie taktiert nicht lange herum: Sie findet sein Ansinnen lachhaft, und das sagt sie ihm auch.

Im anschließenden Gespräch unter vier Augen mit ihrem Chef George Dupont (Sam Waterston) sagt Elizabeth Sloane: „Ich setze mich für die Ziele ein, an die ich glaube. So kann ich nachts besser schlafen.“ Offenbar hat es zwischen den beiden in der Vergangenheit keine Gespräche oder Differenzen bezüglich der moralischen Tragweite eines Auftrags oder eines Auftraggebers gegeben. Denn Dupont ist überrascht über Sloanes offen ablehnende Haltung gegenüber dem neuen Kunden, den er an Land ziehen wollte. Sicher ist er auch düpiert, weil sie so selbstbewusst und ohne Rücksprache mit ihm „Nein“ sagt. Jetzt zählen alle bisherigen Erfolge nichts, nun geht es um Loyalität. Er droht: „Wenn du dich für seine Sache nicht voll und ganz einbringst, dann hat diese Firma keine Verwendung mehr für dich.“

Immer wissen, was die nächsten Schritte deines Widersachers sein werden

Lobbyarbeit ist Voraussicht. Die nächsten Schritte deines Widersachers vorauszuahnen und Gegenstrategien zu entwickeln. Der Sieger ist der Gegenpartei immer einen Schritt voraus, und spielt seine Trumpfkarte, nachdem sie ihre gespielt hat. Es bedeutet, sie zu überraschen und sich nicht überraschen zu lassen.“

Als Sloane diese Worte zu Beginn des Filmes direkt in die Kamera spricht, ist sie Gegenstand eines Untersuchungsausschusses, dem der Kongressabgeordnete Senator Ron M. Sperling (John Lithgow) vorsitzt. Wir werden diese Worte vergessen haben, wenn wir nach spannenden 1 ½ Stunden die in Rückblenden erzählte Vorgeschichte dieser Szene durchlebt haben, und wir wieder im Jetzt von Sloanes Aussage vor dem Untersuchungsausschuss angekommen sind.

Wie ist sie dort hingeraten? Nach dem „Nein“ zum Kunden und der Kopfwäsche ihres Chefs hat sie bei der Gegenseite angeheuert. Der Chef der Kampagnenfirma, die für den neuen Gesetzentwurf wirbt, hat sie abgeworben. Rodolfo Schmidt (Mark Strong) macht ihr ein Angebot[1], das sie mit ihrer frisch herausposaunten Haltung zum Waffenbesitz nicht ablehnen kann. Ist ihr einziger Antrieb wirklich, dass sie gewinnen will, immer? Mit Aplomb macht sie einen Abgang aus ihrer Kanzlei, erklärt sich ihrem Team, fragt, wer mitkommen will.[2] Die Hälfte des Teams will, ihre bisher engste Mitarbeiterin-Freundin Jane Molloy (Alison Pill) jedoch nicht.

Haltung und Verluste

Im Kampagnenbüro kommen weitere Mitstreiter*innen zum Team, für diese Sache brennende Menschen, keine Berufslobbyisten, die mal für Arzneimittel und mal für Ökostrom in den Ring steigen. Ihre engste Vertraute wird Esme Manucharian (Gugu Mbatha-Raw). Bei der Arbeit mit diesem Team wird noch einmal deutlich, wie Elizabeth arbeitet, was ihren Erfolg ausmacht: Sie kennt jeden Lebenslauf in ihrem Team genau, sie weiß um die Motivation der Mitarbeiter*innen, bis hin zu entscheidenden Momenten in deren Leben, die diese nicht an die große Glocke hängen. Esme z.B. hat als Jugendliche den (fiktiven) Amoklauf an ihrer High-School miterlebt. Ihre Verletzlichkeit und persönliche Betroffenheit machen sie für Elizabeth besonders wertvoll. Sie baut Esme bewusst als Kampagnengesicht auf, diese muss auf einmal Fernsehinterviews geben. Dadurch wird sie zur Zielscheibe für einen Waffennarren, gerät in eine gefährliche Situation und begreift erst dann, dass Elizabeth dies alles wissend in Kauf genommen hat – für den Sieg der gerechten Sache. Das Verhältnis zwischen Esme und Elizabeth ist damit zerrüttet, Esme hat ihre eigenen moralischen Grenzen: „Die Grenze ist überschritten, wenn man keinen Respekt mehr zeigt. Du bist klug genug, das zu wissen. Es ist dir nur egal.

Elizabeth aber verfolgt die Kampagne für den neuen Gesetzentwurf mit Verve und allen – auch unerlaubten – Mitteln. Sie macht sich dadurch ihren früheren Chef ebenso zum Feind wie den in die Sache involvierten Senator Sterling. Der will sie kompromittieren und zerrt sie vor den Untersuchungsausschuss, wo sie sich auf Rat ihres Anwalts auf den 5. Verfassungszusatz und ihr Auskunftsverweigerungsrecht berufen soll, um sich nicht selbst zu belasten. Es folgt ein spannendes Gerichtsdrama mit all den überraschenden Wendungen, die dieses Genre – Grisham lässt grüßen, und Sloane liest Grisham – bereithält. Und mehr.

Karriereselbstmord ist nicht so übel angesichts der Alternative Selbstmord durch Karriere.

Career suicide’s not so bad when you consider the alternative is suicide by career. (imdb)

Miss Sloane ist ein Film, der von der Arbeit von Lobbygruppen und ihres Einflusses auf die Gesetzgebung erzählt, von Politik, Gerichten, Medien und Öffentlichkeitsarbeit – und dabei spannend genug ist. Besondere Brisanz erhält Miss Sloane allerdings dadurch, dass er jeder Arbeitnehmerin, jedem Aktivisten, jeder Politikerin die Frage stellt: Wie weit bist du bereit, für deine Überzeugung zu gehen? Welchen Preis bist du zu zahlen bereit? Elizabeth Sloane ist zu einem hohen Preis bereit für „Die Erfindung der Wahrheit“ (deutscher Verleihtitel).


Für wen?

  • Berufliche Lobbyist*innen und politische Aktivist*innen – und ihre Auftraggeber*innen;
  • Frauen in Führungspositionen und solche, die es ihnen nachmachen wollen;
  • Menschen, die einmal excellence at work sehen wollen;
  • Jurist*innen (Miss Sloane ist zu großen Teilen auch ein Gerichtsfilm);
  • Beschäftigte, die sich selbst und andere zu ihrer Motivation befragen. Was treibt dich an?
  • Mentor*innen und Mentees;
  • Junge Beschäftigte und Absolvent*innen, die sich fragen, ob sie lieber in der Praxis oder in der Wissenschaft arbeiten sollten;
  • Chef*innen, die sich im Job bisher wenig um Haltung gekümmert haben.

Miss Sloane (Die Erfindung der Wahrheit). USA, 2016. Regie: John Madden, Buch: Jonathan Perera


[1] Spoileralert: Wir erfahren erst am Ende des Films, was auf dem Angebotszettel stand, den Schmidt Sloane hinhält: „Salary: 0 $. A conviction-lobbyist can’t only believe in her ability to win.“

[2] In dieser Szene fragt ein Kollege: „Was wird das hier? Jerry Maguire?“ und referenziert damit auf den Abgang von Jerry Maguire im gleichnamigen Film. Der will sich nach seinem Rauswurf aus der Sportagentur selbständig machen und künftig intensiver für seine Klienten da sein. „Wer kommt mit?“, fragt auch er.

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