Desk Set (1957)

Auskunftsbibliothekarin Bunny Watson ist fachlich Spitze, pflegt zu jeder ihrer drei Mitarbeiterinnen eine persönliche Beziehung, unterstützt sie fachlich und sorgt für eine freundliche Unternehmenskultur in ihrer Abteilung. Und sie ist dabei die typische Mittelmanagerin.

Es weihnachtet sehr im Reference Department. Foto der Co-Workers Joan Blondell und Katharine Hepburn in "Desk Set".  Copyright 20th Century Fox via www.imdb.com
Es weihnachtet sehr im Reference Department. Co-Workers Joan Blondell und Katharine Hepburn in „Desk Set“. ((c) 20th Century Fox via imdb.com)

Bunny Watson ist die Chefin, die wohl jeder gerne hätte. Sie weiß, wie die Rentiere von Santa Claus[1] heißen und kann sich merken, wie viele Leute in Chappaqua aus dem Zug gestiegen sind[2]. Sie pumpt ihren Mitarbeiterinnen kleinere Geldbeträge, denkt ans Weihnachtsgeld für den Botenjungen und passende Geschenke für alle im Büro. Sie unterhält mit Sekretärinnen[3]anderer Abteilungen gute Beziehungen, und hat deswegen manches Mal den einen oder anderen Informationsvorsprung. Weihnachten geht sie mit ihren Mädchen auch mal in die Nachbarabteilung, um gemeinsam zu tanzen und zu feiern. Über alldem sind ihre Antennen auf kleinste Anzeichen von Missstimmungen im System geeicht, und Gerüchten, die die Arbeitsplätze ihrer Mitarbeiterinnen betreffen, geht sie auf den Grund.

Auskunftsbibliothekarin Bunny Watson ist fachlich Spitze, pflegt zu jeder ihrer drei Mitarbeiterinnen eine persönliche Beziehung (sie sieht den Menschen und nicht nur die Arbeitskraft[4]), unterstützt sie fachlich und sorgt für eine freundliche Unternehmenskultur in ihrer Abteilung. Sie ist dabei die typische Mittelmanagerin: Sie versteht sich als Kollegin und erste Arbeitsbiene im Team, während sie sich gleichzeitig mit Raffinesse für den Erhalt der Arbeitsplätze ihrer Mitarbeiterinnen stark macht. Ihr Boss ist eine charmante Null, dem sie regelmäßig den Hals rettet. Dadurch macht er Karriere, während sie fast wegrationalisiert wird. Die vielen Stunden, die sie von früh bis spät im Büro verbringt, bemerkt keiner; kommt sie dagegen einmal spät von einem Termin, muss sie sich rechtfertigen.

Sie weiß, dass sie sich auf ihre Mitarbeiterinnen verlassen kann. Diese halten ihr den Rücken frei und greifen auch mal zu kleinen Notlügen, wenn es sein muss. Sie engagieren sich dafür, dass der Laden läuft und geben ihr Bestes. Dieses Team hält zusammen und bringt gemeinsam beste Resultate. Ein Arbeitsplatz zum Wohlfühlen.

Ansicht des Rockefeller Centers, 2017.

Das Setting von Desk Set (Eine Frau, die alles weiß, 1957) [5] ist die Auskunftsabteilung einer im New Yorker Rockefeller Center gelegenen Radiostation. Hier regiert Abteilungsleiterin Bunny Watson (Katharine Hepburn), unverheiratet, aber langzeitliiert, mit intelligenter, mütterlicher Hand.

Die gleichaltrige Peg Costello (Joan Blondell)[6] ist nicht nur Kollegin, sondern beste Freundin. Bunny Watson und ihre Mitarbeiterinnen greifen aus dem Gedächtnis, durch Befragung von Experten und anhand einer großen Freihandbibliothek auf alle Informationen zu, die Menschen heute bei Wikipedia nachschlagen, und die die Radioredakteure im Haus so benötigen. An Weihnachten sind es eben auch die Rentiere von Santa Claus.

In dieses fröhliche Idyll platzt der kauzige Ingenieur[7] Richard Sumner (Spencer Tracy), der prüfen soll, inwiefern das von ihm erfundene Elektronengehirn[8], mit dem wichtigsten Wissen der Welt gefüttert, die Arbeit der Frauen erleichtern – oder überflüssig machen – könnte. Dafür interviewt und prüft er wochenlang die Mitarbeiterinnen der Auskunftsabteilung. Die aber wissen nicht, was er da treibt und warum, weil eine entsprechende Information seitens des Oberbosses vorsätzlich[9] ausgeblieben ist. Als auch noch durch einen Computerfehler (!) statt eines Gehaltschecks jede Kollegin ihre Kündigung erhält, gehen sie in den gepflegten Angriff über, der die Überlegenheit ihres menschlichen Geistes über die Funktionen eines Rechners zeigen soll.

Eine Frau, die alles weiß ist ein Weihnachtsfilm, der viele bis heute relevante Themen aus der Arbeitswelt aufgreift und mit den Mitteln der Komödie bearbeitet:  Digitalisierung (!), Rationalisierung und Angst vor Jobverlust; Mensch versus Maschine; top-down-Entscheidungen und fehlende Information der Menschen an der Basis; produktivitätslähmende Gerüchteküche; gravierende Missverständnisse durch Kommunikationsmängel; Nieten in Nadelstreifen. Dazu ein kleiner Seitenhieb auf den autistisch wirkenden Wissenschaftler, und auf Männer, die Karriere machen, weil eine Frau regelmäßig die herausragende Facharbeit liefert[10]. Und über allem die strahlende Heldin, unsere Identifikationsfigur, die ordentlich gebeutelt wird – natürlich auch in der Liebe -, dabei aber warmherzig zu und engagiert für ihre Untergebenen bleibt und verantwortungsbewusst im Job und gegenüber ihrem wuchernden Philodendron.

Chef*innen aller Ebenen bekommen in diesem weihnachtlichen Bürokosmos anschaulich vorgeführt, wie man es anstellt, eine gute Chef*in zu sein (und was man tunlichst unterlassen sollte). Gute*r Chef*in definieren wir nach ihrer/seiner Wirksamkeit so: Die Mitarbeiter*innen kommen gerne zur Arbeit, sie reißen sich für die gemeinsame Sache beide Beine aus[11] und kooperieren im Sinne der besten Resultate miteinander, sie lernen und lassen sich helfen, bringen Ideen und Zweifel ein. Sie sehen Sinn in ihrer Arbeit und gehen dieser enthusiastisch nach. Vor allem aber glauben sie, mit ihrer Arbeit einer großen, wichtigen Aufgabe zu dienen.[12] Bei den Mitarbeiterinnen von Bunny Watson ist offensichtlich, dass sie sich emotional an ihre Chefin und mit ihr an ihre Aufgabe und den Arbeitgeber gebunden fühlen.

Haben Sie eine Bunny Watson zur Chefin? Oder sind Sie gar eine?

Das Beratungsunternehmen Gallup kommt in seiner jährlich erscheinenden Studie zur Mitarbeiterbindung (Employee Engagement) regelmäßig zu dem Ergebnis, dass nur 15 % aller Mitarbeiter*innen eine hohe emotionale Bindung an ihr Unternehmen haben (70%: geringe Bindung, 15%: keine Bindung)[13] . Und seit Gallup seine Studie in Deutschland durchführt, seit 2001, sind wir in Sachen Mitarbeiterbindung nicht vorangekommen. Haben Sie an Ihrem Arbeitsplatz auch schon einmal gehört (oder gesagt): „Reisende soll man nicht aufhalten“, wenn ein*e Mitarbeiter*in kündigte? Oder dass Bindung oder Freundschaften in die private Sphäre gehören und am Arbeitsplatz keinen Wert besäßen? Würde man aber Fehlzeiten, Fluktuation, Fachkräfteschwund, mangelnde Leistung, geringe Weiterempfehlungsrate, ausbleibendes „Markenbotschafter“-Engagement fürs eigene Unternehmen und ähnliches in Key Performance Indicators (KPI) und in betriebswirtschaftliche Kosten verwandeln und darüber Stakeholdern aller Art Auskunft geben (müssen), würde sich zeigen: Bunny Watson hat mit ihrem Team die Nase vorn. Und zwar nicht nur vor dem Computer.

Richard Sumner: „Die Maschine ist dazu da, den Arbeiter zu entlasten von dem täglichen Kleinkram, damit er seinen Kopf für wichtigere Dinge freihat“.

Bunny Watson: „Man kann jedoch sagen, dass der Menschheit in Zukunft viel Muße gegeben wird.“


Auskunftsbibliothekar*innen

Es gibt bis heute Auskunftsbibliothekar*innen in Bibliotheken, die durch den Informationsdschungel leiten, ebenso wie Dokumentar*innen und Archivar*innen in Sendern, Redaktionen und Verlagen. Sie alle erschließen Informationen, Materialien und Medien aller Art, die eigentlich für jeden im Internet frei verfügbar zu sein scheinen.  


Desk Set (Eine Frau, die alles weiß). USA, 1957. Regie: Walter Lang. Buch: Henry & Phoebe Ephron


[1] Neben Rudolph mit der roten Nase Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner und Blitzen.

[2] 9

[3] Bunny Watson als Abteilungsleiterin ist ein Einhorn unter den Mitarbeiter*innen der Federal Broadcasting Company. Außer ihr und ihrem Team im ‚Reference Department‘ sind alle anderen berufstätigen Frauen in diesem Film Sekretärinnen.

[4] Diese Aussage wird gerne in Mitarbeiterzufriedenheitsbefragungen erfragt, etwa Great Place to Work©.

[5] Das Drehbuch stammt von Henry und Phoebe Ephron. Die Eltern von Rom-Com-Regisseurin und Autorin Nora Ephron und ihrer 3 Autorinnen-Schwestern Delia, Amy und Hallie haben Jahrzehnte als Team gemeinsam Drehbücher geschrieben.

[6] Die Imdb vermerkt, dass Joan Blondell häufig als „wisecracking working girl“ und beste Freundin der Hauptdarstellerin besetzt wurde, die flapsige Bemerkungen macht – so auch hier. Ihre Epigonin in dieser Funktion im Film der 1980er und 1990er Jahre ist Joan Cusack (siehe auch Topos: Die beste Freundin).

[7] „Ach, ist das sowas wie ein Rationalisierungsfachmann?“ – „Das ist heute eine überholte Bezeichnung.“

[8] IBM sponserte den Film, wie man im Vorspann deutlich erkennt. Auch kommt Bunny Watson morgens später, weil sie auf der Präsentation eines Superhirns bei IBM war.

[9] Senderchef Azai: „Ich halte es für besser, wenn man sie nicht mit Dingen belastet, so lange sie nicht spruchreif sind. Es ist lebenswichtig, dass die Sache geheim bleibt.“

[10] Senderchef Azai: „Mike Cutler ist der Boss, aber sie leitet die Abteilung.“

[11] Ruthie: „Ich bleibe gerne jeden Abend länger hier, wenn Sie irgendetwas für mich zu tun haben.“

[12] Das Beratungsunternehmen Gallup sagt dazu z.B.: „Unternehmen brauchen Mitarbeiter als Markenbotschafter, die sich voll und ganz an ihrem Arbeitsplatz einbringen und sich mit dem Unternehmen und seinen Werten identifizieren. Sie benötigen Manager, die ausgezeichnet führen und eine Kultur des Vertrauens und der Transparenz aufbauen können.“ https://www.gallup.de/home.aspx, abgerufen 30.11.2018

[13] https://www.gallup.de/183104/engagement-index-deutschland.aspx (abgerufen 30.11.2018)

8 Gedanken zu „Desk Set (1957)“

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