Boss in Serie: Damages und House of Cards

Pathologische Chefs sind nicht nur solche, die unentwegt rumbrüllen oder drohen.

Im Spektrum der pathologischen, manipulativen Chefs gibt es so unterschiedliche wie Patty Hewes aus der Anwaltsserie Damages und Francis Underwood aus House of Cards. Beide wollen ihre Position ganz oben ausbauen, aber wo es Patty Hewes oft genug um die Sache geht, die sie mit wiewohl perfiden Methoden für sich (und ihre Klienten) entscheiden will, ist der (zunächst) Mehrheitsführer im Repräsentantenhaus und spätere Präsident Francis Underwood allein an Macht interessiert, und er treibt Sachen – Gesetzesinitiativen, politische Allianzen, Intrigen, Mord – nur voran, solange sie diesem Machterhalt dienen.

Pathologische Chefs sind nicht nur solche, die unentwegt rumbrüllen oder drohen. Patty Hewes (Glenn Close) ist äußerst charmant, mit Untergebenen wie Gegnern spricht sie immer freundlich, aber bestimmt, entwaffnend, nie zynisch, nie höhnisch. Wenn sie sagt, „er gefällt mir nicht“ (über den Assistenten ihrer Mitarbeiterin Ellen), weiß ihr Mitarbeiter Tom, dass das ein Code dafür ist, dass Ellen ihn rausschmeißen soll (was diese auch tut, aber nicht gleich, weil sie den Code nicht sofort dechiffriert). Hewes unterhält ein Netz nützlicher Beziehungen, etwa zum Faktotum Uncle Pete (der nicht nur die Hemden der Anwälte zur Reinigung bringt, sondern auch Leichen wegschafft und einen Hund aufschlitzt) oder zur Sekretärin eines Richters wie auch zu dem Richter selbst. Wenn es unangenehm wird, macht sie sich nicht selbst die Hände schmutzig, sondern lässt Mitarbeiter oder geheuerte Grobiane die Arbeit tun.

Damages: Glenn Close ist Patty Hewes CR: Andrew McPherson / FX

Hewes hat das perfekte Pokerface:  Nie lässt sie sich anmerken, ob eine Bemerkung sie getroffen oder eine Wendung in dem Fall, den sie verhandelt, sie zur Verzweiflung bringt. Nur wenn sie ganz allein ist, oder manchmal mit ihrem Mann, gesteht sie sich zu, auch einmal die Contenance zu verlieren.

Dagegen steht Francis Underwood (Kevin Spacey) immer kurz davor, in die Luft zu gehen, wenn er nicht gerade platzt und die Leute um sich runterkanzelt, ihnen grimmig lächelnd droht, sie verhöhnt. Speziell seine Außenministerin Catherine Durant wahrt sich Folge über Folge zwar jeweils ein kleines Stückchen Würde, indem sie ihm widerspricht oder einen Vorschlag im Interesse des Landes macht, um dann seine gesamte Häme über sich ausgeschüttet zu sehen. Warum macht sie das? Denkt sie, sie kann doch ein bisschen bewirken, Frieden mit Russland etwa, auch wenn sie dafür kübelweise Dreck fressen muss? Catherine Durant ist wie Theresa May in den Brexit-Verhandlungen. Sie beide dienen einer vermeintlich großen Sache. Hinschmeißen gilt nicht.

Seien Sie jetzt bitte ehrlich zu mir.

In Staffel 3, Folge 8 („Hurrikan“) zeigt eine Szene, was passiert, wenn Chefs eine Atmosphäre der Angst schaffen, in der ihre Mitarbeiter-Experten nicht wirklich sagen, was sie denken.

Kabinettssitzung. Es geht um das sogenannte America-Works-Gesetz, ein gigantisches Arbeitsbeschaffungsprogramm (das Erfolge bei den Wählern und deren Stimmen sichern soll). Dieses könnte nur mithilfe des Budgets aus dem Katastrophenfonds finanziert werden. Nun jagt ein Hurrikan auf die Ostküste der USA zu, weswegen der Kongress die Mittel für Sicherungsmaßnahmen einsetzen will. Einer der Minister wagt sich vor: „Sir, haben Sie mal darüber nachgedacht, das Gesetz zu unterschreiben, das der Kongress gestern Abend beschlossen hat?“ Gebanntes Schweigen am Kabinetttisch. Underwood schaut in die Runde: „Wie viele hier denken, dass ich es unterschreiben sollte? Nun ja, ein paar von Ihnen doch sicher. Ich glaube, die Leute in diesem Raum haben zu oft Angst davor, mich zu verärgern. Und daran bin ich selbst schuld. Ich unterdrücke Ansätze, wenn sie nicht in die Richtung gehen, in die ich will. Deshalb seien Sie jetzt bitte ehrlich zu mir. Ich will es Ihnen nicht nachtragen. Wer von Ihnen denkt, ich sollte das Gesetz unterschreiben?“

Keiner meldet sich, zu tief sitzt die Furcht, den Zorn des Präsidenten auf sich zu ziehen, der andere Meinungen nicht gelten lässt. Schließlich hebt seine Frau Claire, seit Kurzem UN-Botschafterin der USA und deswegen mit am Tisch, die Hand. Gestärkt durch ihr Vorbild trauen sich nun auch andere Minister, die Hand zu heben.


Die Dynamik sprengen

Claire als Teil des präsidialen Duos Underwood hat natürlich nicht einfach nur Nerven, eine dem Präsidenten konträre Meinung zu vertreten. Sie macht das bewusst, um die Dynamik im Raum neu zu verteilen. Wenn ein erster seine Stimme hebt, folgen ihm in der Regel andere. Aber wer will schon der erste sein, sich solcherart zu exponieren? Durch ihr Verhalten macht sie auch transparent, wo die Andersdenkenden sitzen, wer sie sind.

Sie sorgt aber auch dafür, dass die verfahrene Situation aufgebrochen wird. Heißsporn Underwood wäre in dieser Situation nicht weitergekommen; er braucht sein Kabinett, es ist ein Geben und Nehmen. Dadurch, dass sich die Ministergruppe einer Verhandlung öffnet, kommt Underwood überhaupt nur zu seinem Vorschlag (allerdings in der Folge trotzdem zu einer Niederlage.)

Es lohnt sich, bei einer nächsten vergleichbaren Sitzung mal darauf zu achten, wer wem widerspricht, wie ihm zugehört wird, ob sich andere anschließen – und wem solches Verhalten letzten Endes nützt.


Nach allen Regeln großer Verhandlungskunst unterbreitet Underwood seinem Kabinett daraufhin einen vernünftigen Vorschlag zum weiteren Vorgehen (ein Zeitaufschub, eine Alternative) und fragt: „Sind alle damit einverstanden?“ Und alle nicken. Was sollen sie auch machen? Sie sind erleichtert, dass das Donnerwetter ausblieb.

Francis Underwood (Kevin Spacey) und Claire Underwood (Robin Wright) im Weißen Haus.
Photo by David Giesbrecht / Netflix

Francis Underwood hat zu diesem Zeitpunkt schon so viel Angst und Schrecken in seiner näheren Umgebung aufgebaut, wie man es sonst nur aus totalitären Regimes kennt – und er nutzt dazu alle Regeln der Demokratie. Underwood ignoriert jedoch, dass er sich durch sein Verhalten selbst von jeglichem Zugang zu Information, Stimmung und Meinung seiner Untergebenen abgeschnitten hat. Das Leben selbst in einer mächtigen Blase kann gefährlich werden. Nicht nur erschwert es Underwood, richtig einzuschätzen, in welche Richtung sich Wähler orientieren und wie die, die von ihnen gewählt werden – die Senatoren, die Gouverneure, die Abgeordneten – sich deswegen beim nächsten politischen Geschacher verhalten werden. Auch Experten-Einschätzungen dringen nicht mehr zu ihm durch, seine Entscheidungen basieren bald nur allein auf dem, was er „glaubt“ und was er „weiß“. Dass man dann auf einmal mit einer Meuterei konfrontiert wird, kommt für manchen überraschend. [1] In Unternehmen können dies zum Beispiel die Ergebnisse einer Mitarbeiterumfrage sein, die gesunkenen „Engagement“-Werte nach Gallup, gestiegene Fehlzeiten, Dienst nach Vorschrift, anonyme Fragen an den Betriebsrat (oder die Gründung eines solchen) bis zu (Warn-)Streiks.

Die geborene Nummer Zwei

Die Präsidentenserie House of Cards führt nicht nur in das Zentrum der Macht und zeigt, wie Politik gemacht wird: Durch Kompromisse, Verhandeln, Stimmensicherung, Vorteilsnahme. Sie zeigt auch, wie Menschen sich angesichts von Macht verführen lassen. Oder wie sie in emotionale Abhängigkeitsverhältnisse geraten, immer auf der Suche nach der Anerkennung ihres Chefs. House of Cards greift dabei ein Motiv von Damages auf und gibt ihm mehr Raum: den der Figur der „geborenen Nummer Zwei“, des hilfreichen Handlangers, der für seinen Arbeitgeber Sprachrohr ist und über Leichen geht. In Damages ist es der gutmütige Tom, der kurz überlegt, ob er woanders als Partner anheuern oder sich selbständig machen und den milliardenschweren Fall seiner Chefin mitnehmen soll, dann aber die kurze gute Verhandlungsposition nutzt, um unter etwas besseren Bedingungen – und als Partner – weiter für Patty Hewes zu arbeiten. In House of Cards ist es Doug Stamper[2], der loyal zu Francis Underwood hält und sogar einen für ihn schmerzlichen Mord begeht, um alle Risiken aus dem Weg zu räumen. Stamper hat ein Alkoholproblem und meint, Underwood zu Dank verpflichtet zu sein, weil der ihm eine Chance gegeben hat.


  • Damages – Im Netz der Macht. USA, 2007-2012 (5 Staffeln).
    Creators: Glenn Kessler, Todd A. Kessler, Daniel Zelman
  • House of Cards. USA, 2013-2018 (6 Staffeln). Creator: Beau Willimon

[1] Mehr dazu, warum Rebellionen in totalitären Systemen oft für alle Beobachter selbst der Geheimdienste überraschend kommen, weil sich im Vorfeld keiner traut, seine ehrliche Meinung und Gesinnung zu äußern, in Cass R. Sunstein, „The world according to Star Wars“ (2016).

[2] Michael Kelly, visuell und in seiner geheimnisvollen Art eine Referenz auf Ray Fiske (Zeljko Ivanek), den gegnerischen Anwalt in Damages.

Ein Gedanke zu „Boss in Serie: Damages und House of Cards“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.